Sturz [ab SanB]

Notfallszenarien für Ersthelfer bis Rettungsdienstmitarbeiter.

Foren-Übersicht Erste Hilfe, Rettung und Medizin Fallbeispiele

26.01.2012, 18:52
Den Kollegen vom RTW kennst du ganz gut aus dem Ehrenamt...

"Hi Lars, schön dich zu sehen...Was habt ihr denn schon gemacht? Hatte sie Schmerzen irgentwo? Kannst schonmal ne Ringer und nen Zugang vorbereiten!"
Ich bin als Rettungsschwimmer geboren, mit Wasser gestillt und aufgezogen! Hurra!:P

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26.01.2012, 19:33
"Hallo Max (ich nenn den einfach mal so ;)), wir haben hier nur stabilisiert und das andere Bein hoch gelagert. Aber sie ist immer mehr weggetreten, darum liegt sie jetzt in der Seitenlage. Schmerzen hatte sie nur an der Hüftseite, die jetzt oben liegt. Darf's ne grüne Nadel sein?"
Zugangsset:
  • Stauband
  • Nadel
  • Tupfer
  • Octasan
  • Venenverweilkanülenfixierpflaster (mein Lieblings-Hangman-Wort)
  • Leukosilk
  • BZ-Messgerät
  • Kontamed-Behälter
Ringervorbereitung:
Schutz der Einstichstelle lösen, Infusionsbesteck auspacken und die "Nadel" davon in die Einstichstelle der Ringer stecken. Dann ein paar Mal pumpen, bis die Tropfkammer halb gefüllt ist und anreichen.
"Wir essen jetzt Opa!"
Satzzeichen retten Leben!

26.01.2012, 19:37
Der Notarzt trifft ein und Max entlässt dich danken.

Das FB ist hiermit beendet, erstmal darfst du Eigenkritik üben, dann will ich meinen Senf dazu geben, dann darf der Rest auch gerne rummaulen (bzw. Loben).
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26.01.2012, 19:44
Mir fällt grad nur zwei Sachen ein: Ich hätte früher nach dem Sturzhergang fragen sollen und eher an den Sauerstoff denken können.
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26.01.2012, 20:23
Zunächst einmal die Auflösung, das Fallbeispiel sollte eine Patientin mit OSH-Fraktur nach Sturz mit Perforation der A.femoralis darstellen.
Für die Leute die jetzt nur Bahnhof verstanden haben:
Ein Bruch des Oberschenkelhalses, bei dem ein recht großes Gefäß, die Femoralarterie (eindrucksvolles Beispiel findet sich im Film "Black Hawk Down"), verletzt wurde.
In Folge des recht raschen Blutverlustes ist ihr Blutdruck abgesackt, sie bekam einen Schock und wurde dann zum Ende hin bewusstlos.

Jetzt zur Kritik, die ausdrücklich auf den Kenntnisstand eines SanB bzw. SanC ausgerichtet ist, Ersthelfer können hier auch ruhig weghören:

Nachdem du bei der Patientin angekommen warst, hast du dich brav vorgestellt und dann auch recht schnell das Bein abgetastet. Die Idee war nicht schlecht, jedoch empfielt sich gerade nach Sturzgeschehen hier ein kompletter Bodycheck.
Beim Abtasten ist dann das verkürzte und außenrotierte Bein aufgefallen, was ein typisches Zeichen eines Oberschenkelhalsbruchs ist (Bild ).
Ich hätte noch eine Kontrolle von Durchblutung, Motorik und Sensorik am betroffenen Bein erwartet (DMS-Kontrolle). Hierbei wäre aufgefallen, dass das Bein nichmehr besonders gut durchblutet ist und der Puls am Fußrücken kaum noch tastbar ist. Das hätte auf eine Gefäßverletzung hindeuten können.

Der schnelle Notruf war gut und hat hier wohlmöglich das Leben der Patientin gerettet, bei der beschriebenen Blutung zählt jede Sekunde. Ich hätte jedoch den "Verdacht auf Beinfraktur" noch mehr präzisiert.

Du hast recht schnell auf innere Blutungen geschlossen. Jedoch hast du trotzdem eine "Halbseitige" Schocklage gemacht, also ein Bein hochgelegt. Dabei ist hier ganz klar eins der 5B der Kontraindikationen der Schocklage zutreffend, nämlich Becken bzw. Bein. In Folge der Schocklage floss nun also munter etwas mehr Blut als vorher durch die Perforierte Arterie. Nicht gerade rosig.

Die Stabilisierung des verletzten Beins durch Taschen fand ich sehr gut, ich hätte damit gerechnet, dass hier auf die eingebaute Falle eingegangen wird, dass ich beim Material explizit auf Schaufeltrage und Vakuummatratze hingewiesen habe. Jedoch haben wir ja in einem anderen Thread letztens noch diskutiert, warum ich das Nutzen dieser Hilfsmittel hier als Fehler angekreidet hätte, daher keine nähere Erklärung, zumal der Fehler ja nicht gemacht wurde.

Das regelmäßige Kontrollieren der Vitalparameter fand ich auch gut, ebenso wie die Versorgung der Wunden. Auch wenn die Patientin gerade größere Probleme hat als ein paar Schürfwunden, so könnt ihr an den anderen Problemen gerade nicht viel machen, also kann man sich hier auch zwischenzeitlich wunderbar um eine Wundversorgung kümmern.
Man hätte zu den gemessenen Parametern auch noch den Blutzucker messen können, vielleicht liegt hier ja die Ursache des Sturzes.

Als dann die Patientin immer mehr eintrübte hast du sie trotz leichten Reaktionen in die Seitenlage gedreht, was ich auch gut so fand. Ihr Zustand wäre als soporös zu bezeichnen und damit gehört sie in die Seitenlage. Außerdem hatte das den Vorteil, dass die blutende Stelle etwas hochgelagert wurde. Ob das jetzt viel bringt, kann ich nicht sagen, würde aber zumindest einen kleinen Effekt vermuten.
Was ich in dem Bewusstseinszustand und dem Verlauf der Vitalparameter noch erwartet hätte ist die Vorbereitung einer Absaugpumpe sowie das Bereitlegen eines Guedeltubus und vielleicht auch eines Beatmungsbeutels. Dass der Sauerstoff eher hätte kommen können, hast du ja schon richtig erkannt, angesichts der Patientensituation hätte ich vielleicht mehr als 6l/min gegeben, auch mit 10l/min hätte der Sauerstoff noch ne halbe Stunde gereicht.

Ich fand gut, dass du nach der zunehmenden Eintrübung der Patientin noch eine entsprechende Rückmeldung an die Leitstelle gegeben hast. Bei der ersten Notrufmeldung kann man nunmal nicht ganz sicher sein, ob auch ein NEF mit alarmiert wurde, bei der Meldung fahren RTWs auch schonmal alleine raus und es wäre wertvolle Zeit verstrichen.

Die Übergabe an den Rettungsdienst fand ich ok, die Infos, die dann durch "Max" noch erfragt wurden, hätten aber auch schon beim ersten Mal kommen können.

Die Vorbereitung für den Zugang war top, beim Vorbereiten der Infusion hast du dann aber das Entlüften des Infusionssystems etwas vergessen.

So, genug der Rummaulerei, jetzt ist der Rest dran.
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26.01.2012, 20:38
Vielen Dank für das Fallbeispiel.

Ich hab den Sauerstoff und den ganzen Rest nicht mehr im Kopf gehabt.... Irgendwie hab ich mir nur die San-Tasche gemerkt und dann beim überfliegen wegen der Suche der ersten Parameter wieder entdeckt.
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26.01.2012, 20:51
Nettes Fallbeispiel, allerdings würde ich bei einer Schenkelhalsfraktur nicht unbedingt mit einem Abriss der A. femoralis rechnen, da diese da ja doch noch ein bisschen weg ist.

Was mich nun ein wenig wundert ist dein Kommentar mit der Schaufeltrage. Wenn ich diese Patientin im Rettungsdienst in einem bewusstseinsklaren Zustand erwischt hätte, hätte ich bei einem Blutdruckabfall und keinen kardialen Begleiterkrankungen bedenkenlos eine Schocklage durchgeführt..?

Sollte beim Traumapatienten ohne menschliches Zutun der Blutdruck fallen, muss man eben nochmal gründlich nach einer Blutungsquelle o.ä. suchen. Wenn die Patientin lediglich ein Hämatom an der Hüfte aufweist, ist das für mich kein Grund sie nicht -komplett immobilisiert - ein wenig kopfwärts zu kippen..?

26.01.2012, 21:03
Original von leuchtreklamefahrer
Nettes Fallbeispiel, allerdings würde ich bei einer Schenkelhalsfraktur nicht unbedingt mit einem Abriss der A. femoralis rechnen, da diese da ja doch noch ein bisschen weg ist.

Wir reden ja auch von ner Perforation, nicht vom kompletten Abriss^^
Natürlich ist das keine Komplikation, die bei jedem OSH vorkommt, aber es ist doch möglich und man sollte diese Möglichkeit in Erwägung ziehen. Gerade da ja im Becken auch einiges an Blut verschwinden kann, bevor man es auch nach außen hin sieht.
Original von leuchtreklamefahrer
Wenn ich diese Patientin im Rettungsdienst in einem bewusstseinsklaren Zustand erwischt hätte, hätte ich bei einem Blutdruckabfall und keinen kardialen Begleiterkrankungen bedenkenlos eine Schocklage durchgeführt..?

Sollte beim Traumapatienten ohne menschliches Zutun der Blutdruck fallen, muss man eben nochmal gründlich nach einer Blutungsquelle o.ä. suchen. Wenn die Patientin lediglich ein Hämatom an der Hüfte aufweist, ist das für mich kein Grund sie nicht -komplett immobilisiert - ein wenig kopfwärts zu kippen..?

Wie gesagt, die Schocklage hat nunmal Kontraindikationen, und eine Verletzung im Beckenbereich gehört nunmal dazu, weil eben durch die Hochlage der Beine zusätzlich Blut ins Becken läuft.
Ein Hämatom an der Hüfte alleine ist sicherlich keine Kontraindikation, wohl aber zusammen mit recht eindeutigen Hinweisen auf eine OSH-Fraktur, da, wie gesagt, eine Menge an Blut schon ins Becken laufen kann, ohne dass man außen viel davon sieht.
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26.01.2012, 21:13
Der gefürchtete Blutverlust ins Becken ist bei einer Fraktur des Beckens an sich zu befürchten. Bei dieser Patientin ist das Becken ja allerdings vollkommen intakt, und das Gewebe im Bereich der Fraktur durchaus kräftig. Da wird erstens nicht allzu viel Blut verloren gehen. Zweitens mag man die typischen "B's" zur Schocklage ja mancherorts unterrichten, sollte dennoch auf die Differenzierung "Ersthelfer ohne Hilfsmittel" und "Rettungsdienst" acht geben...

Ich bleib dabei - eine isolierte Schenkelhalsfraktur würd' ich nicht als Auslöser eines zur Bewusstlosigkeit führenden Volumenmangels halten.

26.01.2012, 22:59
Wenn es aber (unerwarteter Weise, da stimme ich zu) eine isolierte Perforation der Arteria Femoralis tatsächlich ist, so wäre die Schocklage sogar richtig gewesen.

Anatomisch mal nachdenken ;)

Ansonsten ist auf San Niveau das mit der Schocklage weglassen richtig gewesen. Eine Perforation von nur der Arterie, ohne Beteiligung der Vene wäre NOCH unwahrscheinlicher...
" Die jungen Leute von heute sind wesentlich angenehmer als in den 60er, 70er und 80er Jahren. Sie sind toleranter und respektvoller, auch älteren Leuten gegenüber. "
- Heino

27.01.2012, 02:19
Neben einem kompletten Bodycheck wie LevSani bereits erwähnt hat, hätte auch der Stiffneck angelegt werden sollen.

Die A. femoralis liegt ein ziemliches Stückchen vom Oberschenkelhals entfernt, wahrscheinlicher wäre eine Schädigung der A. cicumflexa femoris gewesen - präklinisch hierüber eine Aussage zu machen halte ich jedoch für gewagt.

Auch wenn die DMS-Kontrolle gefehlt hat, bei einem Blutdruck von syst. 70 mmHg und einer perforierten A. femoralis halte ich es für unwahrscheinlich an der A. dorsalis pedis oder der A. tibialis posterior noch einen Puls fühlen zu können.

Gegen eine Schocklage sprach für mich im Wesentlichen die Gefahr durch Bewegung der Wirbelsäule.

Auf einer Vakuummatratze hätte man m.M.n. schon eine Schocklage machen können.
Mitglied bei *dem* BRK und bei den Brandpatschen

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