Gewalt im Sanitätsdienst

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20.12.2011, 14:42
Original von krumel
Aber mal völlig wertungsfrei folgende Geschichte:
Vorgeschichte: Ich bin ca. 2m groß, habe ein Schultermaß wie ein "Schrank" und knapp 14 Jahre gesammelte Erfahrung in 3 verschiedenen Kampfsportarten...

Ich bin 2009 während meiner beruflichen Tätigkeit als RettAss zwei Mal verletzt worden.
Im "schwereren" Fall wurden wir auf "Erkrankt" in eine Wohnung in einem (durchaus anständigen/in einer guten Gegend gelegenen) MEhrfamilienhaus gerufen. Beim Öffnen der Tür haben wir die üblichen Sicherheitsmaßnahmen eingehalten, der Bewohner bat uns freundlich herein.
Im nächsten Moment zieht er ein kleinst-Taschenmesser und schreit "euch Nazischweine, euch Schweine, ihr bringt mich ins KZ" und sticht zu, jeweils im Versuch im Halsbereich. Den ersten Stich kann ich mit der Sauerstofftasche abwehren, diese trifft, sie entreißt der Täter mir aber. In Folge wird ein Rückzug versucht, der Täter geht aber nach und sticht mir schließlich in den Oberarm, erst durch einen im Rahmen einer Verteidigungsbewegung durchgeführten Schlag kann der Täter nun soweit verzögert werden das eine Flucht möglich ist....Der Täter geht zwar weiter nach, durch den gewonnen Vorsprung von ca. 3m ist aber die Flucht in den (günstig geparkten) RTW möglich. Der Täter beschädigt diesen fröhlich weiter während wir "um die Ecke fahren"... Der Einsatz endet damit, dass ein Unterstützungskommando der POL den Täter niederknüppelt.
Resultat: Stichwunde Oberarm...


Says it all?

Fängt der Quatsch jetzt auch noch mit dem SSD an? Mich nervts im RD schon. Ja, es gibt IMMER die unberechenbare Situation die krumel schilderte, aber ob da eine Waffe geholfen hätte?

Meiner Erfahrung nach gibt es eine gewisse provokation die vor Gewalt hervorgeht. RD und Sanitätspersonal weist oft zu wenig Geduld auf, und vergisst, das WIR für die Patienten da sind, nicht andersrum. Wenn es nicht anders geht, dann muss es Gewalt geben. Ob die meisten Leute in unserer Gesellschaft in der Lage sind vernünftig Gewalt anzuwenden ist die andere Frage.

Lieber einen Schlag abbekommen und sich dann wehren können als weiterhin hilflos zu bleiben.

Bei der Pussy-Gesellschaft meinst du echt das nach einem guten Schlag auf die Nase sich noch jmd. wehrt? Wenn es so wäre, gäbe es nicht so viele Ubahnschläger.
" Die jungen Leute von heute sind wesentlich angenehmer als in den 60er, 70er und 80er Jahren. Sie sind toleranter und respektvoller, auch älteren Leuten gegenüber. "
- Heino

20.12.2011, 17:27
Original von krumel
...
Vorgeschichte: Ich bin ca. 2m groß, habe ein Schultermaß wie ein "Schrank" und knapp 14 Jahre gesammelte Erfahrung in 3 verschiedenen Kampfsportarten...



Ich habe auch 9 Jahre Judo und Karate gemacht, bis zum Grün-Gurt, meine Körperstatur ist nicht gerade mickrig und trotzdem würde ich Ärger aus dem Weg gehen, wenn möglich.

Krumel dein Beispiel zeigt, dass auch gute Vorbereitung und Training, welches die Schrecksekunde verkürzt und die Fähigkeit "auch mal einstecken zu können", manchmal gar nichts bringen.
Auch Waffen hättest du wohl kaum nützen können.
Wenn man eine Waffe trägt neigt man vielleicht dazu sich dem Angreifer überlegen zu fühlen und das kann auch böse ins Auge gehen, da die meisten eher selten mit den Sprays oder sonstigen Waffen üben.
Sogar Polizisten besprühen des öfteren aus Versehen ihre Kollegen - wobei die wahrscheinlich am seltesten damit üben... - also auch die Möglichkeit beachten, dass sich mal der Sprühstrahl verirrt.
Rettungsassistent in München, 23 Jahre

20.12.2011, 17:54
Auch Waffen hättest du wohl kaum nützen können.
Wenn man eine Waffe trägt neigt man vielleicht dazu sich dem Angreifer überlegen zu fühlen und das kann auch böse ins Auge gehen, da die meisten eher selten mit den Sprays oder sonstigen Waffen üben.
Sogar Polizisten besprühen des öfteren aus Versehen ihre Kollegen - wobei die wahrscheinlich am seltesten damit üben... - also auch die Möglichkeit beachten, dass sich mal der Sprühstrahl verirrt.


Seht bitte nicht das Training der Polizei als das Mass der Dinge an. Der durchschnittliche Streifenpolizist mit Bauchansatz schießt je nach Bundesland im Quartal 15 Schuß. Dass man da nicht mehr wirklich "combat-ready" bleibt, ist verständlich. Mit sonstigen Waffen ist es ähnlich.
Wenn Du eine Waffe trägst, dann schaltet man das eigene Gewissen und die eigenen Moralvorstellungen nicht automatisch ab. Eine Waffe ist auch kein Allheilmittel. Sie erweitert das Konzert der zur Verfügung stehenden Möglichkeiten um ein Instrument.
Krumels Fallbeispiel zeigt uns etwas sehr wichtiges: Letztlich wurde er von einem körperlich unterlegenen Gegner dennoch in Gefahr gebracht. Warum ist das so? Warum sehen wir immer wieder, dass körperlich gestählte Personen von kleinen, schmächtigen Angreifern besiegt werden. Dominik Brunner war Thaiboxer. Dennoch wurde er von unterminierten Jugendlichen umgebracht - wie konnte das kommen?

Weil wir alle unsere Wertvorstellungen haben, nach denen wir handeln und nach denen wir trainieren. Der kleine schmächtige Dr.cksack will dich verletzen. Er will dich zerstören. Er will möglichst viel Schaden an dir anrichten, denn er weiss - je mehr Schaden er bei Dir verursacht, desto besser. Daher hilft eine Kampfsporterfahrung nicht immer weiter, gerade wenn es sich um einen Kampfsport mit einem umfangreichen Regelwerk handelt. Warum gibt es Regeln? Weil wir unseren Trainingspartner eben nicht verletzen oder zerstören wollen. Diesen strukturellen Nachteil muss man unbedingt verstehen. In Las Vegas wurde ein professioneller MMA-Kämpfer von einem Mann mit einem Messer attackiert. Es dauerte nur Sekunden und der Angreifer lag in einem professionellen Armhebel oder was auch immer am Boden. Was tat der Angreifer nun? Er hat abgeklopft. Der MMA-Kämpfer war sein ganzes Leben darauf konditioniert, nach einem Abklopfen abzulassen. So tat er es auch diesmal. Zu einer zweiten Chance kam er nicht, da ihn der Angreifer danach mit dem Messer erwischte.

Wer also einen Angreifer besiegen will, der muss bereit und willens sein, ihn zu verletzen und wirklich zu verletzen. Der Angreifer hat seine moralische Entscheidung, wie weit er bereit ist zu gehen, schon getroffen, wenn er morgens das Haus verlässt. Euch wird diese Entscheidung aufgezwungen und vielleicht habt ihr nur wenige Sekunden Zeit, sie zu treffen. Aber diese Entscheidung macht im Falle eines Falles einen größeren Unterschied als die Frage, wie lange man Katas übt oder welchen Gürtel man hat.

Um sich erfolgreich in einer Gewaltsituation wehren zu können, muss man zuerst akzeptieren, dass heute der Tag sein kann. Es ist nicht wahrscheinlich, aber genau heute kann der Tag sein, an dem ein Mensch, den ich nicht kenne, aus Gründen, die ich nicht kenne, mich verletzen oder töten will. Wenn ich dies erst einmal akzeptiert habe und begreife, dass Gewalt auch mich treffen kann, dann muss ich für mich klären, wie weit ich bereit bin, zu gehen um mich zu schützen. Selbstverteidigung fängt im Kopf an.....

Zurück zu Krumels Fallbeispiel und der Frage, ob eine Waffe ihm genutzt hätte: Ohne jetzt einen zu langen Vortrag über Messerkampf etc. zu halten - es gibt Distanzen, in denen man gezwungen ist, erst das Messer zu kontrollieren, bevor man darüber nachdenken kann, ob man seine eigene Waffe ins Spiel bringt. Ganz ohne Training geht es eben nicht. Außerdem ist Flucht immer vorzuziehen. Aber eine Waffe hätte ihm auch nicht geschadet. Er hatte Glück, dass er in der Lage war, zu flüchten und dass das Messer anscheinend sehr klein war. Aber wie ich sagte: Das Outcome war hier nur dem Unvermögen des Angreifers geschuldet. Mit einem großen Küchenmesser hätte die Situation anders ausgesehen.

Übrigens: Auf eine solche Distanz ist ein Messer eine viel gefährlichere Waffe. 85% aller angeschossenen überleben ihre Verletzung, aber nur 65% aller angestochenen.
Es ist Dein Recht, Waffen abzulehnen. Es ist Deine Freiheit, nicht an Gott zu glauben. Aber wenn jemand in Dein Haus einbricht, sind die ersten beiden Dinge, die Du tun wirst: Jemanden mit einer Waffe rufen und beten, dass er rechtzeitig da ist.

20.12.2011, 18:09
Ich glaube, dass die meisten Leute, die sich lange genug mit der Verteidigung ihrer Gesundheit auseinandergesetzt haben wissen wie weit sie gehen würden.
Alle Kampfsportler wissen bei welchen Waffen, Tritten oder Schlägen der "Spaß" aufhört und wann man selber aufhört sein Gegenüber zu schonen.
Rettungsassistent in München, 23 Jahre

20.12.2011, 18:16
Nach Deiner Theorie hätte Dominik Brunner noch leben müssen.
Es ist Dein Recht, Waffen abzulehnen. Es ist Deine Freiheit, nicht an Gott zu glauben. Aber wenn jemand in Dein Haus einbricht, sind die ersten beiden Dinge, die Du tun wirst: Jemanden mit einer Waffe rufen und beten, dass er rechtzeitig da ist.

20.12.2011, 18:34
Ich meine nur, dass ich weiß wie weit ich gehen würde, ich habe einen starken Selbsterhaltungstrieb. Eine Garantie, dass ich damit gut fahre gibt es nicht, für keinen von uns in keiner Situation egal wofür wir uns entscheiden.
Wie man abwägt hängt von einem selbst, den gemachten Erfahrungen und der Situation ab.
Erfahrung in bewaffneter oder unbewaffneter Selbstverteidigung und entsprechende Vorbereitung können die Chancen höchstens erhöhen.
Du hast es auch leichter Beispiele zu finden, da es seltener in der Zeitung steht, wenn der Angreifer Prügel bezieht und sich dann verpisst, als wenn der Vertediger, der sich heldenhaft vor kleine Kinder gestellt hat dabei umkommt.
Rettungsassistent in München, 23 Jahre

20.12.2011, 18:55
na zum Glück sind da wo ich bin immer genug Leute vonner BePo, zur Not würde mir nur der Koffer als Hiebwaffe dienen, aber weglaufen gefällt mir in dieser Situation persönlich besser.
Truppführer, Sprechfunker (Analog), Atemschutzgeräteträger
Jugendwart
Leiter SSD a.D.
Sanitäter (DRK)

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- Abi 2012 -
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21.12.2011, 15:27
Nur damit das hier mal korrigiert wird:
Dominik Brunner ist nicht ursächlich an der seinem Körper zugefügten stummen Gewalt verstorben.

21.12.2011, 17:07
Ja da hast du recht, aber die Gewalt hat ihr übriges getan.
Truppführer, Sprechfunker (Analog), Atemschutzgeräteträger
Jugendwart
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Sanitäter (DRK)

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- Abi 2012 -
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30.12.2011, 21:34
Bei uns ist es schon einmal vorgekommen das während eines Einsatzes bei einem Sportwettkampf zwischen mehreren Schulen unserer Umgebung ein Junge (17 Jahre, Oberschüler, vermutlich ein Freund des Patienten) auf den Sani losgegangen ist weil er nicht wollte das er seinen Kumpel anfasst. Ich glaube er hatte irgendwas gegen den Sani weil er von einer anderen Schule war. Ich wurde nachalarmiert um meinem Genossen beizustehen, aber da sich nicht einmal die Lehrer an den Jungen herantrauten hätte ich auch gute Verwendung für ein Pfefferspray gehabt.......
Mein Genosse hatte mehrere Schürfwunden und Hämatome davongetragen, der Schüler einen Schulverweis....

30.12.2011, 23:12
Genosse Kamerad... Hört sich irgendwie nach DDR an ;)

Und du meinst, das Spray hätte da geholfen... Ich glaub, du hättest eher weitere Probleme bekommen...
35 Jahre, Im-RTW-beim-Patienten-Sitzer, hauptamtlicher "Zivi"-in-den-Hintern-Treter, ehrenamtl. Löschknecht, Obermufti von einigen SSDs -- im schönsten Bundesland der Welt: Schleswig-Holstein!

31.12.2011, 14:58
[Ossimodus an]
Judden Tach Genosse Kamerad,

also ick würd ja sag'n wenn de dat Pfefferspraay jenommen hättest, dann hättes'te och nen Schulverweis jekricht und gleich noch een Paar Patienten mehr dazu, wegen Reizung der Atemwege, weeste?

[Ossimodus aus]

Und ja ick bin och aus Mitteldeutschland, um genauer zu sein aus Sachsen-Anhalt, aber als ich kam gabs die DDR schon seit 5 Jahren nicht mehr, aber das nur nebenbei.
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Sanitäter (DRK)

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- Abi 2012 -
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31.12.2011, 17:45
Original von Oskar
als ich kam gabs die DDR schon seit 5 Jahren nicht mehr, aber das nur nebenbei.

Verdammt OT: Du bist Jahrgang 95?
Endlich EH! 04.05.2008!

31.12.2011, 17:58
Original von Oskar
[Ossimodus an]
Judden Tach Genosse Kamerad,

also ick würd ja sag'n wenn de dat Pfefferspraay jenommen hättest, dann hättes'te och nen Schulverweis jekricht und gleich noch een Paar Patienten mehr dazu, wegen Reizung der Atemwege, weeste?


(Den Akzent bekomme ich jetzt nicht hin.)

Eben nicht. Pfefferspray muss auf Schleimhäute oder in die Augen treffen, sonst passiert da gar nichts. Also nichts mit Reizung der Atemwege bei Umstehenden. Ein Vorteil der Flüssigkeit gegenüber dem CS oder CN-Gas.
Es ist Dein Recht, Waffen abzulehnen. Es ist Deine Freiheit, nicht an Gott zu glauben. Aber wenn jemand in Dein Haus einbricht, sind die ersten beiden Dinge, die Du tun wirst: Jemanden mit einer Waffe rufen und beten, dass er rechtzeitig da ist.

31.12.2011, 18:00
Aber mit dem Schulverweis hat er schon recht. Erfahrungsgemäß...

Die SL würde es niemals billigen, dass ein Schüler mit einer solchen "Waffe" in der Schule auftaucht.
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